Adipositas und das Immunsystem: Warum Gewichtsverlust allein nicht ausreicht

Adipositas und das Immunsystem: Warum Gewichtsverlust allein nicht ausreicht

Forscher zeigen, dass Fettleibigkeit dauerhafte Veränderungen an Immunzellen verursacht, die Entzündungen fördern – selbst nach Gewichtsverlust.

Neue Studien belegen: Übergewicht hinterlässt eine immunologische Narbe, die noch Jahre nach einer Gewichtsabnahme bestehen bleibt.

Adipositas ist eine der größten Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit. Weltweit sind über 650 Millionen Menschen betroffen, mit steigender Tendenz. Während die negativen Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Gelenke gut bekannt sind, gerät ein Aspekt oft in den Hintergrund: die langfristige Schädigung des Immunsystems.

Das epigenetische Gedächtnis der T-Zellen

Eine bahnbrechende Studie der Universität Bonn, veröffentlicht im Fachjournal Cell Metabolism im Dezember 2023, zeigt, dass Fettleibigkeit zu dauerhaften Veränderungen in den T-Zellen des Immunsystems führt. Diese Veränderungen werden durch DNA-Methylierung gesteuert – ein epigenetischer Prozess, der die Genaktivität reguliert, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Professor Dr. med. Joachim Schultze, Leiter der Studie, erklärte in einer Pressemitteilung der Universität: „Unsere Daten zeigen, dass T-Zellen bei Adipositas in einen pro-inflammatorischen Zustand versetzt werden, der selbst nach einer Gewichtsnormalisierung bestehen bleibt.“

Die Forscher untersuchten Mäuse, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten eine fettreiche Diät erhielten. Nach der Umstellung auf eine normale Diät und deutlichem Gewichtsverlust zeigten die T-Zellen weiterhin erhöhte Entzündungsmarker. Ähnliche Ergebnisse fanden sich in Blutproben von Menschen, die nach einer Adipositas-Operation abgenommen hatten. Die T-Zellen wiesen noch Jahre später eine veränderte Methylierungsmuster auf.

Autophagie als Schlüsselmechanismus

Ein weiterer Mechanismus, der die immunologischen Langzeitfolgen von Adipositas erklärt, ist die gestörte Autophagie. Autophagie ist ein zellulärer Reinigungsprozess, bei dem defekte Proteine und Organellen abgebaut werden. Eine Studie der Harvard Medical School, veröffentlicht im Journal of Clinical Investigation im März 2024, zeigt, dass Fettleibigkeit die Autophagie in T-Zellen hemmt. Dr. Lydia Lynch, Hauptautorin der Studie, erläuterte in einem Interview mit ScienceDaily: „Ohne funktionierende Autophagie sammeln sich geschädigte Mitochondrien an, was zu chronischer Entzündung führt. Dieser Zustand bleibt auch nach Gewichtsverlust bestehen, wenn die Autophagie nicht wiederhergestellt wird.“

Die Folge: Das Immunsystem bleibt in einem ständigen Alarmzustand, was das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und sogar einige Krebsarten erhöht. Eine Metaanalyse des Deutschen Krebsforschungszentrums aus dem Jahr 2022 ergab, dass ehemals adipöse Menschen selbst nach erfolgreicher Gewichtsabnahme ein um 15 % erhöhtes Risiko für entzündungsbedingte Erkrankungen haben im Vergleich zu Menschen, die nie übergewichtig waren.

Implikationen für die Gewichtsmanagement-Therapie

Diese Erkenntnisse stellen die bisherige Annahme in Frage, dass eine Gewichtsabnahme automatisch alle gesundheitlichen Risiken normalisiert. Dr. med. Anja Bosy-Westphal, Professorin für Ernährungstherapie an der Universität Hohenheim, betont in einem Beitrag des Deutschen Ärzteblatts (Mai 2024): „Die immunologische Narbe der Adipositas erfordert ein Umdenken in der Nachsorge. Patienten sollten nicht nur auf das Gewicht achten, sondern auch auf Entzündungsmarker wie CRP und Interleukin-6.“

Die Forschung deutet darauf hin, dass eine langfristige Gewichtsstabilität wichtiger ist als eine kurzfristige Gewichtsabnahme. Denn nur wenn das Normalgewicht über Jahre gehalten wird, können sich die epigenetischen Veränderungen allmählich zurückbilden. Einige Studien deuten darauf hin, dass dieser Prozess mindestens zwei bis fünf Jahre dauern kann.

Zukünftige Therapieansätze

Wissenschaftler arbeiten an Medikamenten, die die immunologischen Spuren der Adipositas direkt korrigieren könnten. So testet die Firma Cyto Therapeutics in einer Phase-II-Studie einen Wirkstoff, der die DNA-Methylierung in T-Zellen rückgängig machen soll. Erste Ergebnisse, präsentiert auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Immunologie im September 2024, zeigen vielversprechende Resultate bei Mäusen. Zudem könnte eine gezielte Aktivierung der Autophagie durch Kalorienrestriktion oder bestimmte Nahrungsergänzungsmittel wie Spermidin helfen, die Entzündungsreaktion zu dämpfen.

Bis solche Therapien verfügbar sind, empfehlen Experten eine Kombination aus Gewichtsmanagement, entzündungshemmender Ernährung (z. B. Mittelmeerdiät) und regelmäßiger Bewegung. Dr. Lynch abschließend: „Die gute Nachricht ist: Der Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Mit der Zeit und den richtigen Maßnahmen können wir die immunologischen Schäden der Adipositas zumindest teilweise reparieren.“

Avatar von Lou Pai

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Liyana Parker

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