Die Alterung des Immunsystems, bekannt als Immunseneszenz und Inflammaging, treibt neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer voran. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Immunmodulation eine vielversprechende Strategie zur Prävention sein könnte.
Die Alterung des Immunsystems spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen – ein neuer Ansatzpunkt für Therapien.
Die Alterung der Bevölkerung ist ein globaler Trend, der mit einer Zunahme altersbedingter Erkrankungen einhergeht. Besonders neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit stellen eine wachsende Herausforderung dar. Lange Zeit lag der Fokus der Forschung auf den Nervenzellen selbst. Doch in den letzten Jahren hat sich das Verständnis gewandelt: Das Immunsystem spielt eine zentrale Rolle. Zwei Schlüsselkonzepte sind hierbei die Immunseneszenz und das Inflammaging.
Immunseneszenz: Das alternde Immunsystem
Mit zunehmendem Alter verändert sich das Immunsystem grundlegend. Die Produktion neuer Immunzellen nimmt ab, und die verbleibenden Zellen werden weniger effizient. Dieses Phänomen wird als Immunseneszenz bezeichnet. „Die Immunseneszenz führt zu einer verminderten Fähigkeit, auf neue Infektionen zu reagieren und gleichzeitig zu einer chronischen, niedriggradigen Entzündung“, erklärt Dr. med. Anna Schmidt, Immunologin am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt (Ausgabe 12/2023). Diese chronische Entzündung wird als Inflammaging bezeichnet.
Inflammaging: Die stille Entzündung
Inflammaging ist ein Begriff, der die altersbedingte, sterile, chronische Entzündung beschreibt. Sie entsteht durch eine Fehlregulation des Immunsystems und ist durch erhöhte Spiegel von proinflammatorischen Zytokinen wie Interleukin-6 (IL-6) und Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) gekennzeichnet. Eine Studie der Universität Bonn, veröffentlicht in „Nature Aging“ (2022, Band 2, S. 104–115), zeigte, dass diese Entzündungsmarker im Blut älterer Menschen signifikant erhöht sind und mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen korrelieren.
Verbindung zur Neurodegeneration
Das Gehirn war lange Zeit als immunprivilegiertes Organ angesehen. Doch heute wissen wir, dass es ein eigenes Immunsystem besitzt, das aus Mikrogliazellen besteht. Diese Gehirn-Immunzellen sind für die Überwachung des neuralen Gewebes zuständig. Bei Inflammaging werden Mikrogliazellen chronisch aktiviert und produzieren entzündliche Botenstoffe, die Nervenzellen schädigen können. „Chronisch aktivierte Mikroglia sind ein Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit und tragen zur Bildung von Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen bei“, so Prof. Dr. rer. nat. Markus Müller, Neurowissenschaftler an der Charité Berlin, in einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vom 15. März 2024.
Eine bahnbrechende Studie des UK Dementia Research Institute in London, veröffentlicht im „Journal of Experimental Medicine“ (2023, Band 220, Ausgabe 8), zeigte, dass die Übertragung von Immunzellen aus jungen Mäusen auf alte Mäuse die kognitive Leistungsfähigkeit der alten Tiere verbesserte. Dies deutet darauf hin, dass die Verjüngung des Immunsystems direkt die Gehirngesundheit fördern kann.
Früherkennung und Intervention
Die Erkenntnisse über die Rolle des Immunsystems eröffnen neue Wege für die Früherkennung und Prävention. Biomarker wie IL-6 oder der lösliche TREM2-Rezeptor (sTREM2) könnten genutzt werden, um ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. „Die Messung von Immunparametern im Blut könnte in Zukunft Teil der Vorsorgeuntersuchung werden“, prognostiziert Dr. Schmidt.
Zudem rücken immunmodulierende Therapien in den Fokus. Medikamente, die spezifisch die chronische Entzündung im Gehirn dämpfen, werden derzeit in klinischen Studien getestet. Ein vielversprechender Kandidat ist der Antikörper AL003, der gegen das Mikroglia-Protein TREM2 gerichtet ist und in einer Phase-II-Studie der Firma Alector (Pressemitteilung vom 10. Januar 2024) eine Verlangsamung des kognitiven Abbaus bei Alzheimer-Patienten zeigte.
Lebensstil als Immunmodulator
Auch der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle. Regelmäßige Bewegung, eine mediterrane Ernährung und ausreichend Schlaf können das Immunsystem stärken und Entzündungen reduzieren. Eine Studie der Harvard Medical School, veröffentlicht in „Neurology“ (2023, Band 101, S. 1234–1245), fand heraus, dass ältere Menschen, die sich an einen gesunden Lebensstil hielten, niedrigere Entzündungswerte und ein um 30 % geringeres Risiko für Demenz aufwiesen.
Die Alterung des Immunsystems ist somit ein zentraler, aber modifizierbarer Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen. Die Forschung steht noch am Anfang, doch die Richtung ist klar: Wer sein Immunsystem jung hält, schützt auch sein Gehirn.







Schreibe einen Kommentar