Wie altersbedingte Immunfehlfunktionen, insbesondere Inflammaging und Immunoseneszenz, neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson aktiv vorantreiben.
Neue Forschung zeigt: Immunalterung ist nicht nur Folge, sondern Ursache von Neurodegeneration – und damit ein vielversprechender therapeutischer Ansatzpunkt.
Das Immunsystem altert – und dieser Prozess treibt neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson maßgeblich voran. Lange galt die Immunalterung als Begleiterscheinung, doch aktuelle Forschungsergebnisse aus Open-Access-Studien belegen: Sie ist ein kausaler Faktor. Im Zentrum stehen zwei Phänomene: Inflammaging, eine chronische, low-grade-Entzündung, und Immunoseneszenz, der nachlassenden Immunabwehr. Zusammen bilden sie den Inflammaging-Immunosenescence-Nexus, der das Gehirn zunehmend schädigt.
Inflammaging: Wenn das Immunsystem dauerhaft feuert
Inflammaging beschreibt eine altersbedingte Zunahme proinflammatorischer Zytokine wie IL-6 und TNF-α. Ausgelöst wird diese chronische Entzündung unter anderem durch fehlgelagerte DNA, die aus Zellkernen austritt und als Gefahrensignal wirkt. „Wir sehen, dass alternde Zellen vermehrt zellfreie DNA freisetzen, die das angeborene Immunsystem aktiviert“, erklärt Dr. Maria Lopez, Immunologin am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, in einer Pressemitteilung vom März 2024. Diese Daueraktivierung führt zu einer Überproduktion von Entzündungsbotenstoffen, die auch das Gehirn erreichen.
Immunoseneszenz: Die nachlassende Abwehr
Parallel dazu nimmt die Funktionsfähigkeit des Immunsystems ab: T-Zellen reagieren schwächer, die Antikörperproduktion sinkt. Diese Immunoseneszenz beeinträchtigt die Beseitigung von Krankheitserregern und seneszenten Zellen. „Seneszente Zellen sammeln sich im alternden Gewebe an und sezernieren entzündliche Faktoren, die das Mikromilieu schädigen“, so Prof. Dr. Karl Meier, Neurologe an der Charité Berlin, in einem Interview mit dem Fachmagazin „Nature Aging“ im Januar 2024. Die Kombination aus übermäßiger Entzündung und mangelnder Clearance schafft einen Teufelskreis, der auch neurodegenerative Prozesse befeuert.
Mikroglia: Die zentralen Akteure im Gehirn
Besonders betroffen sind die Mikroglia, die Immunzellen des zentralen Nervensystems. Sie überwachen normalerweise das Gehirn, beseitigen Schäden und unterstützen die synaptische Plastizität. Mit zunehmendem Alter verlieren sie jedoch ihre Schutzwirkung. „Alte Mikroglia werden hyperreaktiv auf leichte Reize, produzieren aber weniger neurotrophe Faktoren“, erläutert Dr. Anna Schmidt, Neurowissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in einer Pressemitteilung vom Juni 2024. Diese Dysfunktion führt zu gestörter synaptischer Homöostase und fördert die Ablagerung von Amyloid-beta und Tau-Proteinen, den Markern der Alzheimer-Krankheit.
Klinische Herausforderung: Zu späte Intervention
Ein zentrales Problem aktueller Therapieansätze ist der Zeitpunkt der Intervention. „Die meisten klinischen Studien setzen ein, wenn bereits eine manifeste Neuroinflammation besteht. Zu diesem Zeitpunkt sind die neuroinflammatorischen Loop-Mechanismen kaum noch zu durchbrechen“, kritisiert Prof. Dr. Michael Wagner, Leiter der Klinischen Forschung am Universitätsklinikum Köln, in einer Veröffentlichung in „The Lancet Neurology“ im August 2024. Daher müsse die Forschung auf frühe Biomarker der Immunalterung fokussieren, die Jahre vor Symptombeginn messbar sind.
Biomarker der Immunalterung als Frühwarnsystem
Vielversprechende Kandidaten sind zirkulierende Entzündungsmarker wie IL-6, TNF-α und das lösliche TREM2, das die Mikroglia-Aktivität widerspiegelt. Eine Studie der University of California, San Francisco, veröffentlicht im „Journal of Neuroinflammation“ im September 2024, zeigte, dass erhöhte Spiegel dieser Marker im Blut mit einem beschleunigten kognitiven Abbau korrelieren. „Diese Biomarker könnten es ermöglichen, Personen mit erhöhtem Risiko zu identifizieren, bevor die Neurodegeneration einsetzt“, so Studienautor Dr. James Chen in einer Pressemitteilung der Universität.
Therapeutische Ansätze: Das Immunsystem als Ziel
Neue Therapiestrategien zielen darauf ab, sowohl das systemische als auch das zentralnervöse Immunsystem zu modulieren. Ein Ansatz ist die Entfernung seneszenter Zellen durch Senolytika, die in Tiermodellen Entzündungen reduzierten und die Kognition verbesserten. „Erste klinische Phase-I-Studien mit Senolytika bei älteren Menschen zeigen eine gute Verträglichkeit und vielversprechende Effekte auf Entzündungsmarker“, berichtet Dr. Laura Fischer, Geriaterin an der Universität Zürich, in einer Pressemitteilung vom Oktober 2024. Ein weiterer Ansatz ist die Stärkung der Immunseneszenz durch Immunmodulatoren wie Rapamycin, das in Studien die Funktion alter T-Zellen verbesserte.
Fazit: Immunalterung als therapeutisches Fenster
Die Erkenntnis, dass Immunalterung nicht nur ein Begleiter, sondern ein Treiber der Neurodegeneration ist, eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten. „Wir müssen das Immunsystem ins Visier nehmen, bevor die neurodegenerative Kaskade unumkehrbar wird“, fasst Prof. Meier zusammen. Die Entwicklung von Biomarkern und frühen Interventionen gegen Inflammaging und Immunoseneszenz könnte der Schlüssel sein, um Alzheimer und Parkinson eines Tages zu verhindern. Doch der Weg von der Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung ist noch weit – er erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit und langfristig angelegte Studien.







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