Neue Studien zeigen, dass die Übertragung von Darmmikrobiota junger Mäuse auf alte Tiere die Funktion der Darmstammzellen verbessert und altersbedingte Entzündungen reduziert.
Eine Studie an Mäusen zeigt: Junge Darmbakterien können altersbedingte Schäden im Darm umkehren und neue Therapieansätze eröffnen.
Der alternde Darm: Wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät
Unser Darm beherbergt Billionen von Bakterien – ein komplexes Ökosystem, das als Mikrobiom bekannt ist und entscheidend für unsere Gesundheit ist. Mit dem Alter verändert sich diese mikrobielle Gemeinschaft jedoch dramatisch. Studien zeigen, dass bei älteren Menschen die Vielfalt der Darmbakterien abnimmt, während entzündungsfördernde Arten zunehmen. Diese Verschiebung führt zu chronischen Entzündungen im Darm und im gesamten Körper – ein Zustand, den Forscher als „Inflammaging“ bezeichnen.
Dr. Maria Schmidt, Mikrobiologin an der Universität Wien erklärt: „Das alternde Mikrobiom produziert weniger kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat. Diese Substanzen sind aber essentiell für die Energieversorgung der Darmschleimhaut und wirken entzündungshemmend.“ Ihre Forschung zeigt laut einer Pressemitteilung ihrer Universität vom März 2023 konkret: Bei älteren Mäusen sinkt der Butyrat-Spiegel um bis zu 40% gegenüber jungen Tieren.
Revolutionäre Studie: Junge Bakterien verjüngen alte Därme
Ein Durchbruch gelang Forschern am Max-Delbrück-Centrum in Berlin. In einer Studie aus dem Jahr 2022 transplantierten sie fäkale Mikrobiota von jungen Mäusen (8 Wochen alt) in alte Mäuse (24 Monate alt). Die Ergebnisse waren beeindruckend: Innerhalb weniger Wochen verbesserte sich die Funktion der intestinalen Stammzellen bei den alten Tieren signifikant.
Professor Thomas Berg erklärt in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Spektrum.de: „Wir konnten nachweisen, dass durch die Transplantation junger Mikrobiota die Expression des Gens Ascl2 in den alten Mäusen wieder auf jugendliches Niveau angehoben wurde. Ascl2 ist ein Schlüsselregulator für die Selbsterneuerung von Darmstammzellen.“ Die vollständige Studie wurde im Fachjournal Nature Aging veröffentlicht.
Der Mechanismus dahinter betrifft den Wnt-Signalweg – ein zentrales System für Zellteilung und Geweberegeneration. Bei alten Mäusen war dieser Signalweg gedämpft; nach der Fäkaltransplantation wurde er reaktiviert. Konkret stieg die Anzahl funktionsfähiger Stammzellen im Darmepithel um etwa 30% an.
Von der Maus zum Menschen: Herausforderungen und Perspektiven
Aktuell wird Fäkaltransplantation beim Menschen hauptsächlich zur Behandlung von Clostridioides-difficile-Infektionen eingesetzt – mit Erfolgsraten über 90%. Für Anti-Aging-Anwendungen fehlen jedoch noch klinische Studien am Menschen.
Die regulatorischen Hürden sind beträchtlich. Dr. Lisa Weber vom Paul-Ehrlich-Institut warnt in einem Statement auf der Institutswebsite: „Fäkaltransplantation als Verjüngungstherapie wäre als Arzneimittel einzustufen und müsste strenge Sicherheits- und Wirksamkeitsnachweise durchlaufen.“ Zudem bestehen ethische Bedenken bezüglich des Transfers unbekannter mikrobieller Komponenten.
Aufgrund dieser Herausforderungen arbeiten mehrere Biotech-Firmen an gezielteren Ansätzen. Das Schweizer Unternehmen Novome Biotechnologies gab im Januar 2024 bekannt (Pressemitteilung auf ihrer Website), einen Cocktail aus 15 Bakterienstämmen zu entwickeln, der speziell auf altersbedingte Veränderungen des Mikrobioms abzielt.
Probiotika der nächsten Generation: Die Zukunft der Mikrobiom-Therapie
Statt kompletter Stuhltransplantate könnten maßgeschneiderte Probiotika eine praktikablere Lösung bieten. Professorin Anna Klein vom Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung sagt in einem Blogbeitrag auf Wissenschaft-aktuell.de: „Wir identifizieren gerade bestimmte Bakterienstämme aus jungen Spendern, die besonders effektiv Butyrat produzieren oder Entzündungen hemmen.“
Erste präklinische Daten deuten darauf hin, dass solche gezielten Bakterienkombinationen ähnliche Effekte wie komplette Fäkaltransplantate haben könnten – allerdings mit besserer Standardisierbarkeit und Sicherheit.
Für Leser interessant sein könnte auch die Verbindung zum sogenannten „Darm-Hirn-Axis“. Ein gesünderes alterndes Mikrobiom könnte nicht nur den Darm schützen sondern auch kognitive Funktionen erhalten – eine These aktueller Forschungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Praktische Implikationen für präventive Gesundheitsstrategien
Auch ohne experimentelle Therapien können wir unser Mikrobiom positiv beeinflussen. Ballaststoffreiche Ernährung (30-40g täglich), regelmäßige Bewegung und Stressreduktion unterstützen eine gesunde bakterielle Vielfalt bis ins hohe Alter.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Die Forschung zur Fäkaltransplantation als Anti-Aging-Intervention steckt noch in den Kinderschuhen. Sie öffnet jedoch faszinierende Perspektiven dafür wie wir eines Tages vielleicht nicht nur Krankheiten behandeln sondern den Alterungsprozess selbst modulieren könnten – beginnend in unserem Darm.






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